Jahres-Rückblick und die Zukunft des Gemüseanbaus
Nachdem ich den ersten Prototyp der Anbauplanung für 2026 fertig habe, lasse ich die Planung nun ein paar Tage liegen und schaue dann nochmal mit frischem Geist darauf.

Zeit für einen Rückblick auf die vergangenen Jahre und Gedanken zu dem Großen Ganzen.
Nach wie vor bauen wir die Struktur der Gärtnerei auf. Als wir 2022 mit der Solawi starteten befanden wir uns auf einem leeren Stück knapp 2 ha großen Ackerland. Nun im vierten Jahr haben wir Zäune, Bäume, Hecke, zwei Folientunnel, einen Unterstand mit Waschtisch, Materialcontainer, eine Jungpflanzenanzucht mit Abhärtung, einen Maschinenunterstand, eine Solaranlage, einen 80m – tiefen Brunnen und über 500 m Wasserleitung, die wir 60 cm tief vergraben haben – realisiert.
Im Anbau haben wir uns nun für das Dauerbeet-System entschieden und dieses Jahr fleißig Wege auf Beete gegraben. Wir haben nahezu alle Felder mit Kompost der Rösl-GmbH versorgt. Nicht im klassischen No-Dig-Stil, sondern als Startgabe für unseren Humusaufbau. Nachdem wir die ersten drei Jahre brauchten um der Quecke Herr zu werden konnten wir in 2025 bequem die Beete mit der Kreiselegge anlegen.

Nun gehen wir wieder einen Schritt weiter zum Dauerbeet-System. Auch da werden wir anfangs noch mit Bändchengewebe zur Beetvorbereitung, d.h. Entfernung des Bewuchses durch Sonnenentzug arbeiten. Das Ziel ist nach wie vor eine minimalste Bodenbearbeitung, in der Hoffnung später ohne Maschinen die Beete bestellen zu können. In 2026 müssen wir nach wie vor unsere Kompostwirtschaft optimieren und mehr Zeit darauf verwenden. Das Ziel ist, trotz viehloser Bewirtschaftung eine Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Von unseren 2 ha Ackerland werden „nur“ 2.160 m² Rein-Netto-Beetfläche für Gemüse verwendet. Dazwischen bleibt genug Fläche für Transfermulch. Statt mit Kleepellets zu düngen wie in diesem Jahr wollen wir nach und nach mit Kompost und Mulchmaterial den Boden so aufbauen, dass wir keine externen Dünger mehr benötigen. Dazu gesellt sich natürlich eine durchdachte Gründüngungs-wirtschaft und ein ausgeklügeltes Untersaaten-System.
Mein Ziel: Mit der Natur, all den Pflanzen und größeren und kleineren Tieren auf dem Acker – ein stabiles ökologisches Gleichgewicht zu schaffen und einen stabilen Humus aufzubauen, sodass das Gemüse aus dem Boden heraus gut versorgt ist.

Bei der Durchsicht der Saatgut-Kataloge für 2026 bin ich auf einen Artikel
zum Strukturwandel im Gemüsebau aus dem Dreschflegel-Katalog gestoßen, der mich nachdenklich gestimmt hat. Und ich habe mir einige Statistiken angesehen.
Laut dem Zentralverband Gartenbau wurden in 2024 deutschlandweit nur noch 156 Ausbildungsverträge in der Fachrichtung Gemüsebau geschlossen1. Ist es da drastisch zu befürchten, der Beruf des Gemüsegärtners ist vom Aussterben bedroht?

Die Anzahl der Betriebe mit Gemüseanbau gehen stetig zurück. Waren es 2010 noch 9.139 Gemüsebaubetriebe, die eine Fläche von 111.895 ha bewirtschaften, sind es in 2024 noch 5.829 Betriebe, die eine Fläche von 126.796 ha bewirtschaften2. D.h. die Betriebe, welche bleiben werden größer. Liegt es da fern vom „Wachse-oder-Weiche“-Prinzip zu sprechen?
Für mich aber noch viel fraglicher ist die Abhängigkeit der Produzenten von den Lebensmitteldiscountern und Lebensmittelmärkten. Ca. 95 % des angebotenen Öko-Frischgemüse wird laut dieser Statistik 3über den Lebensmitteleinzelhandel, d.h. Discounter oder Supermärkte abgedeckt. Nur ca. 2% des gekauften Öko-Frischgemüse werden direkt vom Erzeuger bezogen. Wer legt in diesem Fall die Preise, die für Gemüse erzielt werden fest? Wieviel landet am Ende beim Erzeuger?
Auch wenn gefühlt überall mit Regionalität geworben wird, haben wir in Deutschland beim Frischgemüse nur eine Selbstversorgungsrate von 37%4 . Den Rest importieren wir aus den Niederlanden, Spanien etc.
In Deutschland geben die Menschen 11,5% der Haushaltsausgaben für Lebensmittel aus5.
Zwischen 5% und 38% der Ausgaben der Verbraucher kommen bei den Landwirten an6. D.h. 95% – 62% des Umsatzes aus dem Verkauf von Lebensmitteln bleibt beim Lebensmittelhandel. Dabei steigen die Erzeugerpreise seit Jahren stetig an. Dies findet sich nicht unbedingt in den erzielten Preisen beim Lebensmitteleinzelhandel wieder.
Statistiken, die für sich sprechen und zum Nachdenken anregen. Diese Statistiken sollen aber nicht den Mut nehmen, sondern Mut machen und zeigen uns wie wichtig die Bewegung der Solidarischen Landwirtschaft in Deutschland ist. Wir können stolz darauf sein Teil dieser Bewegung zu sein. Einer Bewegung hin zum Menschen. Eine Bewegung, die die Verbindung von Verbraucher und Erzeuger wieder stärkt. Eine Bewegung, die Wertschätzung ausdrückt für die erfüllende, aber auch harte Arbeit in der Landwirtschaft. Eine Bewegung, die den Verbraucher mitnimmt auf den Boden unter unseren Füßen und in die Schönheit von blühenden Landschaften. Eine Bewegung die Verbindung schafft zur Grundlage unserer Nahrungsmittelsicherheit, den Pflanzen und Tieren – von denen wir uns tagtäglich ernähren.

- Quelle: https://www.derdeutschegartenbau.de/2025/01/09/mehr-stauden-und-obstgaertner-in-2024-neuvertraege-lassen-hoffen/ ↩︎
- Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025 / Stand: 10.12.2025 ↩︎
- Quelle: https://www.wirgarten.com/wirgarten-system-open-source/ Grafik entnommen aus: Garming H.: Entwicklung von Produktion und Nachfrage von Ökogemüse in Deutschland, Vortrag auf der 56. Jahrestagung der Deutschen Gartenbauwissenschaftlichen Gesellschaft (DGG) am 01.03.2024 in Braunschweig. ↩︎
- Quelle: https://www.landwirtschaft.de/infothek/infografiken/uebersicht-aller-infografiken/der-selbstversorgungsgrad-in-deutschland ↩︎
- Quelle: https://www.landwirtschaft.de/infothek/infografiken/uebersicht-aller-infografiken/wie-viel-prozent-der-haushaltsausgaben-werden-fuer-nahrungsmittel-aufgewendet ↩︎
- Quelle: https://www.landwirtschaft.de/infothek/infografiken/uebersicht-aller-infografiken/welcher-anteil-der-verbraucherausgaben-fuer-nahrungsmittel-kommt-bei-den-landwirtinnen-und-landwirten-an ↩︎